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MEHR POLITISCHE PARTIZIPATION FÜR GEFLÜCHTETE! - Migrafrica
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MEHR POLITISCHE PARTIZIPATION FÜR GEFLÜCHTETE!

Projekt: MultiplikatorenPlus
Mehr politische Partizipation für Geflüchtete!

Mit dem Projekt “Multiplikatoren PLUS” wollen wir junge Migranten, überwiegend ost- und westafrikanischer Herkunft und andere junge Geflüchtete dabei unterstützen sich aktiv an der politischen Bildung in der BRD zu beteiligen.

Um den immensen Informationsbedarf bezüglich der politischen Bildung decken zu können, beabsichtigen wir unter dem Motto “Wir qualifizieren und fördern Vorbilder” in vier Phasen ein möglichst engmaschiges Multiplikatoren-Netzwerk zu organisieren, wodurch die politische Partizipation der Geflüchteten oder ehemals Geflüchteten gewährleistet werden kann.

Dieses Netzwerk soll mit Hilfe erfahrener Mitarbeiter und Expertengruppe aufgebaut werden, die das fachliche Wissen und die nötige Erfahrung besitzen, die ehemaligen Geflüchteten zu Multiplikatoren zu schulen. Die exemplarische Vorstellung von Biografien der erfolgreich integrierten und politisch aktiven afrikanischen Experten ist Bestandteil der Weiterbildung der Multiplikatoren, die eine Vorbildfunktion einnehmen und das Erlernte nach außen tragen werden. Darüber hinaus ist es von großer Wichtigkeit, die Migranten bei der Entwicklung der Methoden und Konzepte hinsichtlich der politischen Partizipation mit einzubinden, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre politische Partizipation selbst in die Hand zu nehmen und aktiv zu gestalten.

Bei dem geplanten Zusammentreffen mit Entscheidungsträgern in Berlin sollen Vorschläge für mögliche Reformen zur Sprache kommen, die die politische Partizipation für Geflüchtete erleichtern und attraktiver machen.

 

Verlaufsbericht des Projekts Multiplikatoren+

 

Das erste Seminar im Rahmen des Projektes Multiplikatoren+ gefördert durch das BPB fand vom 12.05.2017 bis zum 14.05.2017 in Siegburg statt. Nachdem der Verein vorgestellt und die Arbeit der Bundeszentrale für politische Bildung erörtert wurde, stiegen wir direkt in das Thema „Politische Partizipation“ ein. Nach einer ausführlichen Definition des Begriffes „Politische Partizipation“ und der Kategorisierung von formeller, informeller und unkonventioneller Teilhabe hatten die Teilnehmer/innen die Möglichkeit sich über ihre Erfahrungen und Fragen hinsichtlich politischer Partizipation auszutauschen und diese zu reflektieren. Es entstanden mehrere Kontakte und konstruktive Ideen, bspw. wie Demokratie und Transparenz innerhalb der Migrantenvereine intensiv praktiziert werden, wie aktives Zuhören und Partizipation geschult wird, wie regelmäßige Debatten über ausgewählte Themen zum Beispiel Europäische Agrar- und Handelspolitik durchzuführen sind u.v.m.  Die eingeladene Expertin Joyce M. Muvunyi (Fachpromotorin des European Network of people of African decent (ENPAD)) stellte unterschiedliche Möglichkeiten zur politischen Teilhabe vor und zeigte anhand von bewährten Methoden, welche praktischen Möglichkeiten zur politischen Partizipation der Teilnehmer/innen auf kommunaler-, Landes- und Bundesebene vorhanden sind und wie sie aktiv und nachhaltig gestaltet werden können. U. a. wurden folgende Möglichkeiten zur politischen Teilhabe besprochen: Das Recht als gewählte Vertreter/innen im Integrationsrat mitzuwirken und sich aktiv bei Bürgerinitiativen einzubringen sowie einigen wichtigen Protagonisten in der Politik bspw. Dr. Diaby dem Bundestagsabgeordneten als Beispiel zu folgen um Reformen zu erzielen etc.

Auch die beiden Experten Simone Ahrendt und Eddie Abdella bereicherten die Seminarteilnehmer/innen mit ihren persönlichen unkonventionellen Erfahrungen und möglichen Partizipations- und Vernetzungsmöglichkeiten mit den Entscheidungsträgern auf allen Ebenen.

In diesem Zusammenhang war es für uns (Migrafrica) äußerst wichtig, den Teilnehmer/innen einen „Raum“ zu bieten, wo die politische Partizipation jenseits von Integration individuell definiert und hierzu eine passende Aktion (wie Demonstration, Petition, ziviler Ungehorsam etc.) entwickelt wird, um z. B. die gewünschten Reformen hinsichtlich entwicklungspolitischen Programme der Bundesregierung zu erzielen oder die Zusammenhänge für alle Teilnehmer/innen verständlich zu erörtern, wie ungewollte Migration sowohl von der Mehrheitsgesellschaft als auch von den Afrikaner/innen langfristig betrachtet zu vermeiden ist/wäre.

Dies ist uns als Verein in vollem Umfang gelungen.

Auch das Feedback des ersten Seminares zeigte, dass alle Teilnehmer/innen mit den Inhalten und aufgezeigten praktischen Beispielen der politischen Partizipation und „Wege“ sehr zufrieden waren. Das Seminar wurde auch durch das Radio (Deutsche Welle) auf Swahili übersetzt und am 16.05.2017 in mehreren ostafrikanischen Länder ausgestrahlt (Beitrag anhören):ab 8 Min. Allerdings zeigte die Evaluierung auch, dass viele offene Fragen/Wünsche nach politischen Reformen (bspw. in der Markt-, Agrar-, Entwicklungs- und Integrationspolitik) noch unbeantwortet bleiben.

 

Wir bedanken uns bei der BPB für die finanzielle Unterstützung.

 

Auch das zweite Seminar, dass vom 07. bis 09. Juli 2017 in Bonn stattfand, war ein großer Erfolg. Unter dem Motto „Migrantenorganisationen für mehr politische Partizipation stärken“ kamen 23 Teilnehmende zusammen, diskutierten, sammelten Ideen und simulierten kommunale Projekte.

Zunächst führten, analog zum ersten Workshop, Vereinsvertreter unterschiedlicher Migrantenorganisationen aus NRW in den Begriff der politischen Partizipation ein. Joyce Muvunyi stellte anschließend als Fachpromotorin des „European Network of people of African descent“ (ENPAD) unterschiedliche Möglichkeiten zur politischen Teilhabe vor. Dabei ging sie jeweils auf konkrete Handlungsfelder auf kommunaler-, Landes- und Bundesebene ein.

Serge Palasie (Eine Welt Promotor: Flucht, Migration und Entwicklung in NRW) zeigte mit seinem Vortrag „Eine neue Anerkennungs- und Erinnerungspolitik als zentrale Voraussetzung für mehr politische Partizipation”, dass politische Ziele durch entsprechende Vorbilder einfacher zu realisieren sind.

Ein „Highlight“ war der Vortrag der Journalistin Tina Adomako, die von ihrem persönlichen Werdegang   und über ihr eigenes politisches Engagement berichtete.

Die Frage welche europäischen Fördermöglichkeiten zur Verfügung stehen, um die politische Arbeit und Projekte von Migrantenorganisationen zu finanzieren, besprach Abraham Nida (Gründungsmitglied von Migrafrica) mit den Teilnehmenden.

Zum Schluss ging Bibusa Washington Wißeman (CEO und Gründerin von Sensxafrica) darauf ein, wie sich soziale Arbeit bzw. soziales Unternehmertum mit politischer Partizipation verbinden lassen.

Durch die Veranstaltung konnten sich viele Teilnehmende untereinander vernetzen. Eine weitere Veranstaltung rund um das Thema der politischen Partizipation ist für den 08. bis 10. September 2017 geplant.

Den vollständigen Bericht von Herr Serge Palasie „Eine neue Anerkennungs- und Erinnerungspolitik“ finden Sie hier: LINK.

 

Multiplikatoren+ Wochenende in Berlin

 

Migrafrica hatte geladen und über 60 Interessierte sind am Wochenende vom 3. bis 5. November in Berlin zum dritten Multiplikatoren+ Workshop zusammengekommen, um über gesellschaftliche Teilhabe und politische Partizipation von Migrant*innen zu diskutieren.Das Wochenende begann mit einer Kennenlernrunde, gefolgt von einem Input von Eine Welt Netz (EWN)-Promotor Serge Palasie, der einen kurzen historischen Überblick der Geschichte des Kolonialismus und dessen Auswirkungen bis heute gab.


Am Samstag stellte Amanuel Amare kurz den Verein Migrafrica vor, der erst 2013  gegründet wurde und bisher schon über 30 Projekte durchgeführt hat. Auffallend ist, wie wenig die afrikanische Diaspora sich politisch engagiert. „Warum beteiligen sie sich nicht? Fühlen sich nicht angesprochen? Sehen keine Vorbilder?“ fragte Amare. Anschließend versuchten die Teilnehmer*innen auf genau diese Fragen Antworten zu finden und diskutierten in fünf Arbeitsgruppen, wie die afrikanische Diaspora für eine größere Beteiligung an gesellschaftspolitischen Prozessen aktiviert werden könne, ein Ziel, so waren sich die meisten einig, welches nur mit der jungen Generation zu erreichen sei. Die Teilnehmer*innen definierten fünf gesellschaftliche Bereiche, in denen mehr Partizipation von Menschen mit Migrationsbiographien angestrebt werden sollte. In Gruppen diskutieren sie die Hindernisse und Herausforderungen, und zeigten mögliche Wege auf, die zu Veränderungen führen könnten.


Die Gruppe Arbeitsmarktöffnung und Integration von Geflüchteten konstatierte, dass derzeit alle Akteure mehr oder weniger ratlos sind, wie dieses Thema nachhaltig verankert werden kann. Ein Peer-to-Peer Ansatz durch mehr migrantische Organisationen als Anbieter von Maßnahmen würde eine bessere Ansprache gewährleisten.

In einer zweiten Gruppe wurde das Thema Unternehmertum aus zwei unterschiedlichen Perspektiven heraus diskutiert.  Einerseits ging es um Wege in die Selbständigkeit hier in Deutschland und andererseits um  Gründungsperspektiven in den Herkunftsländern. Als große Hürde wurde der erschwerte Zugang von Migrant*innen zu Kreditinstitutionen gesehen, aberber auch ein Unwissen über Beratungsmöglichkeiten und oft eine ungenügende Vorbereitung der Migrant*innen selbst. Hier würde eine bessere Aufklärung über die Voraussetzungen und Anforderungen helfen.


Eine weitere Gruppe setzte sich mit den Themen Ernährung & Bildung auseinander. Mehr offene Bildungsveranstaltungen könnte Geflüchtete sowie die Mehrheitsgesellschaft zu diesen Themen informieren. Fachpromotorin Tina Adomako wies auf das EWN Programm „Bildung trifft Entwicklung“ (BtE) hin und die Möglichkeit, sich selbst als BtE-Referentin zu bewerben. BtE biete die Möglichkeit, in Schulen oder bei Frauengruppen das Thema Ernährung zu vertiefen. Das Thema Integrationspolitik beschäftigt immer wieder. Auch wenn in den letzten Jahren viel auf dem Weg gebracht worden ist, um die Integration vor allem von Geflüchteten  voranzutreiben, kritisiert die Gruppe, dass die Integrations- und Sprachkurse nicht von allen Geflüchteten in Anspruch genommen werden können. Von den 53 afrikanischen Ländern haben nur Menschen aus Eritrea und Somalia Zugang zu den Angeboten. Die Abschiebungspraxis wurde ebenfalls kritisiert. Eine Forderung war, diese Praxis zu überdenken und Menschen, die schon viele Jahre hier leben und integriert sind, einen legalen Aufenthalt zu ermöglichen. Das sollte vor allem auch für Minderjährige gelten, die hier zur Schule gehen.

Die vierte Gruppe nahm sich das Thema Anti-Rassismus im Kontext von Medien, Schulen und Universitäten an. Hier wurde das Afrika Bild diskutiert, das in Schulen, Institutionen und durch die Medien vermittelt wird. Kritisiert wurde, dass wichtige Aspekte der Geschichte nicht gelehrt werden. Das führe zu einem einseitigen Bild. Eine Anpassung der Curricula, eine bessere Erinnerungskultur – auch an die Rolle Deutschlands in der Geschichte Afrikas – würde die Narrative korrigieren. Identitätsbildend könnten Themenwochen an Schulen sein, die sich mit den diversen kulturellen Identitäten auseinandersetzen, die es nun mal in der Einwanderungsgesellschaft gibt.


„Last but not least“ wurde auch das Thema Entwicklungspolitik (abschaffen) von einer Gruppe diskutiert. Die Teilnehmer*innen waren der Meinung, dass 50 Jahre Entwicklungshilfe keine spürbare Verbesserung für die Bevölkerung Afrikas gebracht habe und fänden es daher besser, wenn Entwicklungshilfe in der jetzigen Form abgeschafft werden würde. Kritisiert wurde, dass viele der geförderten Projekte häufig an den Bedürfnissen der Menschen vor Ort vorbeigingen. Der Marshallplan mit Afrika sei ein Beispiel, der von deutschen Politikern verfasst wurde, ohne die Stimme der afrikanischen Partner zu berücksichtigen. Um die Südperspektive ernster zu nehmen wäre ein Weg, mehr Menschen aus der Diaspora in den politischen Institutionen wie dem BMZ zu beschäftigen. Sie kennen oftmals die Verhältnisse vor Ort besser als die „Expert*innen“, die dahin entsendet werden. Nach der intensiven Arbeit in den Gruppen gab es einen Impulsvortrag von Peter Krahl (BMZ). Er ging auf die positiven Aspekte der Einwanderung ein. Eine demokratische Gesellschaft könne sich nur erhalten, wenn sie offen  für Menschen aus anderen Ländern sei. Krahl gab Einblicke in die Arbeit des Ministeriums, und wie diese sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt habe. Er unterstrich, dass die Diaspora ein riesiges Potenzial habe zur Entwicklung in den Herkunftsländern beizutragen. Das zeige sich auch an den riesigen Summen der „Remittances“, die in den globalen Süden fließen und die das weltweite Entwicklungshilfe-Budget weit übersteigen. Nach einer kurzen Mittagspause ging es mit einer lebhaften Podiumsdiskussion weiter, in der sich Peter Krahl, Serge Palasie und Aminata Touré (Landtagsabgeordnete in Schleswig-Holstein) den Fragen der Teilnehmer*innen stellten. Vor allem Aminata Touré musste sehr viele Fragen beantworten. Sie schilderte ihren Lebensweg als Kind von Geflüchteten, ihre Motivation sich als „schwarze Frau“ für die Belange von Migrant*innen und Verbraucher*innen einzusetzen und ihren Weg in die Politik.  Sie ermutigte die Teilnehmer*innen, sich in die Parteien hinein zu trauen. Bevor die Teilnehmer*innen am Sonntag wieder abreisten, reflektierten sie das Wochenende gemeinsam. Für viele war das Multiplikatoren+ Wochenende ihr erster Besuch auf einer Veranstaltung, in der es um für sie relevante Inhalte bezüglich entwicklungspolitischer und politischer Partizipation ging. . Sie fühlten sich durch das Wochenende gestärkt und ermutigt, sich gezielter für ihre Themen einzusetzen.

Aber auch die Teilnehmer*innen, die bereits in Vereinen und Initiativen aktiv sind oder schon lange in Deutschland leben, konnten Impulse für sich und die Arbeit in ihren Organisationen mitnehmen.

 

Wir bedanken uns bei der Bundeszentrale für politische Bildung für die freundliche Unterstützung.